Als Henry Ford (1863-1947) 1913 die „moving assembly line“ (Fließband) erfand, wurde mehr als nur ein Meilenstein in der Fertigung gesetzt. Mit dieser Erfindung konnten gewissermaßen am laufenden Band schnell, effektiv und kostengünstig Autos produziert werden. Da die Nachfrage nach seinem T-Modell ozeanisch groß war, konnte sich der Autobauer folgende Ansage erlauben: „Jeder Kunde kann sein Auto in einer beliebigen Farbe lackiert bekommen, solange die Farbe, die er will schwarz ist.“ Heute wären solche Sprüche undenkbar.

Dass Produktion auch anders stattfinden kann, eben nicht am laufenden Band und trotzdem zügig, effizient und passgenau für die Kunden, zeigt sich in Blieskastel (Saarland) in den Hallen der Hager Group. Produziert werden dort unter anderem ein Feldverteiler, also ein „Sicherungskasten“, der plan ins Gemäuer gesetzt wird, sowie verschiedene Arten eines Kleinverteilers. Das Besondere ist, dass der Werker nicht am Band produziert, sondern am Tisch. Das inhabergeführte Familienunternehmen Hager Group setzt dafür seit 2013 in drei Produktionslinien auf die Kompetenz von Karl, ebenfalls ein Familienunternehmen.

REIBUNGSLOSER WORKFLOW

Die Produktionslinien könnten unterschiedlicher nicht sein: In der einen Linie wird der erwähnte Sicherungskasten zusammengesteckt. Produkte wie diese finden sich häufig in Deutschland oder der Schweiz. Bei der anderen Produktionslinie handelt es sich um die Manufaktur. Sie heißt so, weil jedes Stück ein Unikat und zudem händisch gefertigt ist. Warum? Alexander Markovic, Lean-Management-Leader, erklärt, dass in einem Haus mittlerweile nicht nur Licht, Kochstelle und Kühlschrank geregelt werden müssen, sondern auch Solar- und Schließanlagen, Rollos und natürlich Multimedia. Stichwort Smarthome. Zudem haben Häuser unterschiedlich viele Stockwerke, Wohnungen unterschiedlich viele Räume – auch das spielt der Manufaktur in die Hände. Warum dieses Konzept aufgeht, hat ihren Ursprung in der Firmengeschichte des Unternehmens, das heute über 10 000 Mitarbeiter hat, 3000 aktive Patente besitzt und global mit 23 Produktionsstätten in zehn Ländern vertreten ist. In fast allen Staaten der Welt sind Produkte und Service der Hager Group erhältlich. Das Erfolgsprinzip des Unternehmens lautet: zuhören können. Die Hager Group hat prinzipiell das Ohr am Kunden bzw. an den ausführenden Handwerkern und den Großhändlern. Das 1955 von Peter Hager und seinen Söhnen Oswald und Hermann gegründete Unternehmen wurde berühmt für seinen Service. Seit Mitte der 1960er-Jahre werden für Elektrohandwerker Schulungen angeboten, was die Kundenbindung verstärkt und zu einer ständigen Optimierung führt. Jedes Produkt wird regelmäßig verbessert. Auch der Feldverteiler Unterputz – eigentlich ein Dauerbrenner – wurde schon mehrfach optimiert, um zum Beispiel die Montage zu erleichtern. Sei es für eine verbesserte Raumausnutzung im Verteilerkasten oder für eine weitere Verbindungsmöglichkeit zu einem zweiten Kasten. „Einfacher, besser, schneller“, sagt es Alexander Markovic kurz und knapp. Die Produktionslinie verläuft von rechts nach links, von Stückteilen aus Kunststoff hin zum fertigen Kasten, der final in einen Karton mit der Aufschrift Hager verpackt wird. Auf jedem der sechs Arbeitstische findet eine andere Etappe der Fertigung statt. Die Arbeitsflächen – Tische – können auf Knopfdruck niedriger oder höher gestellt werden, sodass jeder Werker sich seinen idealen Arbeitsplatz programmieren kann. 77, 78, 79, 80 … Der Bildschirm, der den „Bauplan“ des Kastens anzeigt, wandert übrigens genauso Zentimeter für Zentimeter mit nach oben oder unten, wie die Boxen, in denen Schrauben und andere Einzelteile griffbereit liegen. „Der Tisch wurde speziell in unserer Entwicklungsabteilung für Hager angefertigt“, erläutert Karl-Mitarbeiter Ottmar Kuster, der für Kundenkontakt und Projekt zuständig ist. Kleine Extras bei dieser Maßanfertigung in Stahl sind eine Stange für das Stand- und Spielbein sowie eine Halterung für eine Trinkflasche. Wer jetzt denkt, dass das Werkstück wie ein Paket von Etappe zu Etappe, Tisch zu Tisch weitergegeben werden muss, irrt. Hier kommt eine andere Komponente ins Spiel, die von der Hager Group und Karl gemeinsam entwickelt wurde. Zwischen den Tischen befindet sich eine Brücke, ein Zwischenstück, sodass das Werkstück vom Werker nicht gehoben oder gewuchtet werden muss, sondern elegant von rechts nach links geschoben wird. Dank der Borsten auf der Oberfläche geht es im besten Wortsinne reibungslos und ohne Kratzer von A nach B.

DOPPELTES WIRTSCHAFTSWUNDER

Dieses eigens für die Hager Group erfundene Zwischenstück könnte symbolisch für die besondere Historie der Hager Group stehen, die sich seit der Firmengründung 1955 im Saarland konsequent in zwei Staaten entwickelte und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Brücke zwischen den ehemaligen Erzfeinden schlug und damit zu einem fast schon einmaligen deutsch-französischen Erfolgsmodell wurde. Südlich von Straßburg in Obernai eröffnete die Hager Group nur vier Jahre nach der Firmengründung eine Niederlassung, die mittlerweile schon zigfach vergrößert wurde. Durch dieses zweite Standbein bekam die Hager Group die Chance, an beiden Wirtschaftswundern links und rechts des Rheins zu partizipieren. Die Brücke zwischen den Tischen könnte auch ein Symbol für die selbst gestellte Aufgabe der Hager Group sein, Menschen, Produkte und Technologien zu vernetzen. Da die Aufgaben an das Haus und seine Elektronik ständig wachsen und aufwendiger werden, sind intelligente Systeme und Maßanfertigungen Standard geworden. Das Smarthome wird zur Steilvorlage für die Kompetenz der Hager Group.

UNIKATE AUS DER MANUFAKTUR

Hier kommen wir zur zweiten Produktionslinie mit den Tischen von Karl. Es handelt sich um die Manufaktur, in der nur Unikate produziert werden. Jedes Werkstück wurde passgenau auf die Erfordernisse des Kunden ausgerichtet. Auch hier arbeiten die Werker an Tischen von Karl, die ganz auf die jeweilige Person abgestimmt werden. Der Nachschub an Material kommt über eine doppelte Regalreihe, die sich gegenüber des Arbeitstisches befindet. Die hintere Reihe versorgt die vordere, die für den Werker in Griffweite alles bietet, was er für seine Arbeit braucht. „Fifo“ (First in, first out) heißt dieses geniale Prinzip, das die Arbeit nicht unbedingt schneller macht, aber spürbar erleichtert und ganz sicher verbessert. Genauso wie der ergonomische Arbeitstisch, der ein bisschen mehr ist, als nur eine stabile Unterlage.